Schlagwörter

, ,

Ich miste konstant aus. Alle paar Monate verteile ich Kleider, Bücher, Kinderspielzeug, Musik und DVDs. Ich verkaufe Sachen im Internet, verschenke an Freunde und Verwandte, tausche und bringe Zeug in den AWO Laden oder zu Oxfam. Was ich habe wird dadurch zwar nicht unbedingt weniger (weil immer wieder Neues dazu kommt), aber das Ausmaß des Zeuganhäufens hält sich in Grenzen.

Bei jedem Ausräumen und jeder Aufräumaktion aber bleibt ein Stapel unberührt. Der Stapel mit Sachen, die mir mein Vater geschenkt hat. Es ist kein großer Stapel und darauf befinden sich hauptsächlich Bücher, die ich nicht gelesen habe. Es ist aber nicht die Ahnung, dass ich diese Bücher irgendwann noch lesen werde, die mich sie behalten lässt, sondern Sentimentalität. Die paar Bücher sind das einzige, was mir von meinem Vater bleibt und sie erzählen viel über unsere Beziehung. Es sind philosophische Bücher auch Philosophiebücher, geschenkt, im Versuch, Kontakt mit mir aufzunehmen, nachdem wir uns lange heftig bekämpft und in Folge dessen voneinander entfernt haben. Sie sind Handreichungen, Bekundungen des Wunsches, mit mir in Kontakt zu kommen, eine Ebene zu finden, auf der wir uns unterhalten und austauschen können, auf der unser Verhältnis wenn nicht produktiv, so doch wenigstens nicht destruktiv ist. Ich habe sie nicht gelesen, das sagte ich bereits. Sie stehen in meinen Bücherregalen in allen Wohnungen an allen Orten und erinnern mich daran, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, mit ihm darüber zu reden, was in ihnen zu lesen ist und wie man sein Leben führen soll. Und das ist vielleicht das einzig sichtbare Zeichen seiner Abwesenheit, der einzige Beweis dafür, dass er tot ist. Deshalb kann ich sie noch nicht weggeben.