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Seit vier Jahren bist du jetzt tot. In den Umständen deines Sterbens kulminierte alles, was schlechterdings typisch für dich war. Die Erinnerung daran deckt alles andere zu, Eindrücke aus einer, glaube ich, ganz guten Kindheit mit einem lustigen Vater, der Zaubertricks konnte und Geschichten erfinden.

Ich sehe so oft nur den ängstlichen Menschen vor mir, der es sein Leben lang nicht geschafft hat, für das einzustehen, was er richtig findet. Schlimmer noch, der sich nie entscheiden konnte, was für ein Leben er führen wollte und so alles verachten musste, woran er sich angebiedert hat. Den 68er, der seinen Kindern seinen Willen notfalls mit Gewalt aufzuzwingen versucht hat, der Angst davor hatte, nicht genug Geld zu haben für den Mercedes und das Haus. Der seine Ehe vor die Wand gefahren hat und sich dann zurücksehnte nach seiner ersten Frau. Den Menschen, der fast 60 Jahre alt war und der es nicht geschafft hat, nicht jeden anzulügen, der ihm nahe stand. So ein feiger Mann. Das war es, was ich die ersten Jahre nach deinem Tod dachte. Nur das. Es fällt mir auch jetzt noch schwer, mich an schöne Zeiten mit dir zu erinnern und das finde ich traurig. Denn ich weiß, dass es dir immer wehgetan hat, dass wir uns so voneinander entfernt haben. In unseren letzten Telefonaten hast du dich immer wieder geklammert an die paar Fetzen, die dir aus meinem Leben bekannt waren, hast versucht, eine Verbindung herzustellen. Wir haben Frieden geschlossen am Ende, aber das ging nur, weil ich vor langer Zeit aufgehört hatte, irgendwas von dir zu erwarten. Du hast nichts verstanden. Du warst nicht da für mich. Du hast mir nicht geholfen. Du hast mich angelogen auch dann noch, als du um deinen nahenden Tod wusstest. Du hast dich nicht gekümmert. Nicht um uns und auch nicht um unseren Halbbruder, der kurz vor deinem Sterben geboren wurde. Du hast vieles bereut, als es zu spät war, viel zu spät und das macht mich traurig. Du hast auch zuletzt keine Position eingenommen, Haltung bewiesen, dein Leben angenommen. Du hast bereut und gehadert bis zum Schluss und du hast fast alle, denen du was bedeutet hast, dadurch weggestoßen.

Du fehlst mir nicht. Aber ich weiß, wie deine Stimme klang und verstehe, warum Leute behaupten, dass mein Bruder dir wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ich finde dich in mir, wenn ich wütend bin und auch im Zaudern. Ich kann kein Krankenhaus betreten, ohne dass mir schlecht wird, weil ich daran denken muss, wie es auf der Intensivstation gerochen hat, auf der du so lange lagst. Ich hab nur eine Handvoll Dinge, die dir gehörten und die gebe ich nicht her. Hier hängt ein Bild, du noch ganz jung und ich winzig klein auf deinen Schultern. Wir lachen zusammen.