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Die Person im Fernsehen erzählt, wie sie durch die Demenzerkrankung ihres Vaters diesem wieder näher gekommen ist und wie gut sie mit ihm lachen kann, trotz oder gerade wegen der Krankheit, die ihn weich macht und irgendwie weise. Sie plädiert für für einen positiven Umgang mit Demenz, die Krankheit als Möglichkeit, sich noch einmal kennenzulernen. Die Mutter meines Freundes sagt daraufhin kühl „das kann sie nur sagen, weil sie nicht mit ihrem Vater zusammenlebt, sondern ihn nur einmal die Woche für 20 Minuten im Pflegeheim besucht. Diese Demenz ist kein Spaß“. Sie weiß wovon sie spricht. Sie ist seit über 60 Jahren mit dem selben Mann verheiratet, die längste Zeit davon glücklich, wie sie selbst sagt. Seit ungefähr 10 Jahren löst sich die Persönlichkeit ihres Mannes mehr und mehr auf. Der Mann, den sie geheiratet hat, verschwindet und macht Platz für eine Person, die fremde Forderungen stellt, seltsame Vorlieben hat und mit der man kein Gespräch führen kann. Jemand, der nicht weiß, welcher Tag ist, der vergisst, dass das Enkelkind nebenan schläft und den Fernseher mittags um vier auf volle Lautstärke stellt. Jemand, der Marmeladengläser im Keller öffnet und sie leerzuessen beginnt, sie dann aber stehen lässt und sie vergisst, bis sie verschimmeln. Jemand, der immer alles sofort will und der kein Nein kennt. Jemand, hinter dem auch sie verschwindet, weil sie sich nicht mehr traut, das Haus für mehr als ein paar Stunden zu verlassen, weil ihr Mann sich ängstigt ohne sie.

Sie klagt nicht, sie beschwert sich nicht, aber sie will das Recht haben, ihre Situation scheiße finden zu dürfen. Sie will sich nicht von irgendeiner Fernsehperson sagen lassen, dass in allem irgendetwas Positives wohnt, dass man nur genau hinschauen muss, um die Chance zu erkennen, das Schöne zu sehen und gutgelaunt mit allem umzugehen. Demenz haben ist mist. Ganz sicher für die Angehörigen und vielleicht auch für die Betroffenen, wer weiß das schon. Das Leben mit Demenzkranken mag nicht nur düster und traurig sein, aber wer die Wahl hat, würde wohl einen gesunden jederzeit einem demenzkranken Partner vorziehen, weil: Da ist nicht viel Chance, Hoffnung oder Aussicht auf Besserung. Da ist Aushalten und im besten Fall manchmal lachen über die Situation. Am Ende stirbt jemand und vielleicht ist man darüber sogar froh. Und auch wenn nicht: Man muss nicht alles Positiv sehen. Man sollte sogar manche Sachen negativ sehen, einfach, weil sie nicht gut sind. Und da darf man sich auch von einer Frau im Fernsehen nicht reinreden lassen.